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Wer sich fotografieren lässt, dem wird scheibchenweise die Substanz vom Körper abgezogen und per elektrischer Osmose, oder so ähnlich, auf ein Blatt Papier übertragen.

Dass dem so wäre – davon waren die Menschen angesichts der neuen Erfindung der damals noch nach ihrem Erfinder benannten Fotografie, dem genialen Franzosen Louis Jacques Mandé Daguerre (1787 -1851), absolut überzeugt.

 

Vergleichbare Befürchtungen hegten die Menschen gegenüber den ersten Dampflokomotiven: Wer sich mit der irrwitzigen Geschwindigkeit von ca. 20 km/h fortbewege, der müsse an Gehirnkrankheiten und Psychosen, Lungenentzündung und/oder Schwindsucht erkranken und sterben.

 

Weshalb erzähle ich das?

Weil ich in meiner täglichen Praxis in Gesprächen mit Kunden – und das sind in aller Regel gestandene Unternehmer – mit genau diesem Phänomen konfrontiert bin: Der irrationalen Angst vor Innovation, hier der Digitalisierung.

Statt beherzt und kreativ auf die neuen, großartigen, niemals dagewesenen, quasi auf dem Silbertablett kredenzten Möglichkeiten zuzugreifen und sie sich gewinnbringend zu eigen zu machen, überkommt den deutschen Michel die Panik.

„German Angst“

Ganz offensichtlich haben wir es hier mit einer Erscheinung zu tun, für die uns die gesamte restliche Welt belächelt. Im angelsächsischen Kulturkreis spricht man von der „German Angst“.

Die German Angst umschreibt ein den Deutschen zugeschriebenes Charaktermerkmal, welches in ausnehmend bedauernswerten Fällen dazu führt, dass der Betroffene sich in der Erwartung von Veränderung in die Hose macht.

 

Dass ausgerechnet Deutschland sich dergestalt vor der ganzen Welt blamiert, wirkt besonders bizarr, wenn man bedenkt, dass dieses Land eigentlich schon immer für seine vielen klugen Köpfe, die eine wissenschaftliche, erkenntnistheoretische und technische Glanzleistung nach der anderen vollbrachten, bekannt und gefürchtet war, und dass ein beträchtlicher Prozentsatz der die Welt bis heute bereichernden Erfindungen aus dem Gebiet stammt, in dem sich die heutige BRD befindet.

 

Aber woran mag nun dies wieder liegen? Ist nicht gerade der Unternehmer daran interessiert, technische Innovationen für sein Unternehmen nutzbar zu machen?

Und weshalb reagieren die Deutschen immer erst, wenn es zu spät ist?

Gehen wir also der Angst auf den Grund:

Vielleicht liegt die Ursache der Angst im von mir kürzlich angesprochenen typisch deutschen Denken: Dreht sich zukunftsgerichtetes Denken um die Frage, wie Glück und Erfolg zu erreichen sein könnten, so befasst sich der Deutsche, philosophierend in sich selbst versunken, mit der Suche nach Erkenntnis und Sinn. Statt der uralten Weisheit „pantha rhei“ (alles fließt) Folge zu leisten, heißt die Devise des Deutschen: Behalten und Sparen. Beides wird auf tragische Weise mit Erhalten verwechselt. Im Wirtschaftsleben jedoch bewirkt die Tugend der Sparsamkeit fast immer unbeabsichtigte, das Ziel meilenweit verfehlende Effekte und wird so zum Makel. Was man heute erhalten will, ist schon morgen veraltet.

 

Die Folge: das Glück rauscht am Deutschen vorbei. Zurück bleiben oft Misserfolg, Neid, Depression und Verzweiflung.

Aufwachen! Aufwachen!

Heute wehen die globalen, immer stürmischer werdenden „Winds of Change“ jenen, die des Glaubens sind, sich auf dem Erreichten ausruhen zu sollen, das Liebgewonnene ganz schnell unter dem Allerwertesten weg. Denn so viel kann definitiv schon gesagt werden: Was uns heute umweht, ist nur ein laues Lüftchen gegen das, was noch kommt.

Daran ist aber nichts Schlimmes, geschweige denn Beängstigendes, wenn auch die Angst vor der Digitalisierung psychologisch nachvollziehbar sein mag: Zum ersten Mal in der menschlichen Geschichte werden kognitive Leistungen komplett an Apparate übertragen. Das Internet fühlt sich an wie ein externes Gehirn.

 

Dass ein Mensch per Rakete auf den Mond geschossen werden kann, ist im Prinzip ein mechanischer Vorgang und sogar einem Kind vorstellbar. Die mit der Technik des Internets und der dazugehörigen Hardware zusammenhängenden Erscheinungen dagegen sind selbst deren Erfindern zum Teil noch ein Rätsel. Wie soll man verstehen, dass auf einem lächerlich winzigen Speicherchip die Inhalte ganzer Bibliotheken abgespeichert werden? Und wie soll das menschliche Vorstellungsvermögen damit klarkommen, dass von jedem beliebigen Ort der Welt Texte, Bilder, Musik, ja ganze Filme u.v.m. in Jetztzeit an jeden anderen Ort der Welt verschickt werden können?

 

Ich bin ein überzeugter Anhänger der These, dass die Gegenwart dann ihre Problematik verliert, wenn man ihre Vorgeschichte kennt. Deshalb bin ich auch in den vorherigen Kapiteln auf die Mechanismen des menschlichen Wahrnehmens, Fühlens und Denkens eingegangen. Die Angst vor Neuem ist auch, wie ich zu Beginn dieses Beitrags gezeigt habe, nichts Neues.

 

Deshalb wäre es unfair, den alten Kontinent mit Amerika zu vergleichen. Europa ist ein über Jahrtausende gewachsener Kulturraum. Die hier geltenden Werte und Interaktionsstandards, das gesamte kulturelle Inventar, wurden in langwierigen, oftmals blutigen Auseinandersetzungen verhandelt und ratifiziert. Die europäischen Siedler brachten das alles schon fertig verpackt nach Amerika mit und verabreichten es den dortigen Ureinwohnern wie Fastfood. Dies geschah übrigens in allen europäischen Kolonien. Nirgendwo wurden deshalb Freudentänze vollführt.

 

Technische Neuerungen, die Veränderungen der Arbeitswelten und Kulturbilder haben in der ganzen Menschheitsgeschichte und auf der ganzen Welt für Ängste und Desorientierung gesorgt. Überall fühlten sich die Menschen innerlich zerrissen und mussten sich individuell und sozial neu organisieren.

Je mehr menschliche Arbeit von Maschinen vollbracht wurde, umso komplexer wurde die Welt.

Die industrielle Revolution des 19. Jahrhunderts führte dazu, dass menschliche Muskelkraft immer mehr von Maschinen übernommen wurde.

Die neuen technischen und wissenschaftlichen Errungenschaften forderten die Menschen enorm: Sie mussten mit den neuartigen Objekten, einem beschleunigten Leben und ganz neuen Lebensumständen fertig werden.

 

In den Roaring Twenties des 20. Jahrhunderts waren, befördert vor allem von amerikanischem Einfluss, die Bürowelten dran. Die Arbeitsabläufe wurden rationalisiert und automatisiert. Zum Einsatz kamen neue Rechen-, Schreib-, Kopier-, Registrier- und Telefontechnologien, die Frederick Taylors wissenschaftlicher Betriebsführung, der Zerlegung der Arbeit in zeitlich und motorisch getaktete Untereinheiten und der Akkordarbeit zum Durchbruch verhalfen.

 

Der mit dem Zweiten Weltkrieg verbundene beschleunigte Technologiekrieg führte zu weiteren, massiven Neuerungsschüben. Der deutsche Ingenieur Konrad Zuse erschuf 1941 den Z3, den ersten frei programmierbaren Rechner in binärer Schalttechnik. Er ging als erster wirklich funktionsfähiger Digitalrechner, sprich: Computer, in die Geschichte ein.

Digitale Globalisierung, globale Digitalisierung.

Mit der Digitalisierung wurde erstmals menschliche Denkkapazität der direkten Verantwortung des Bedieners (heute: „User“) entzogen und an Maschinen mit künstlicher Intelligenz übertragen.

Ein ungeheuerlicher Vorgang! Mit ihm verbunden die Angst des Individuums, dass ihm die kognitive Kontrolle über die eigene Persona verloren gehen, sich mithin sein Ich auflösen und verflüchtigen könnte. Der Horror schlechthin.

Analog verhält es sich beim Unternehmer: Ist erst einmal der eigene Laden qua Digitalisierung der globalen Konkurrenz ausgesetzt, beginnt ein proliferierendes Spiel, das bei fehlerhafter Führung genau so schief gehen kann wie eine falsche Taktik im Fußball. Wer schlecht spielt, steigt ab.

Deshalb ist mein Rätseln über die Trägheit und Zögerlichkeit deutscher Unternehmer auch keinesfalls als Vorwurf zu interpretieren.

 

Trotzdem kommen auch deutsche Mittelständler und sogar Kleinunternehmer nicht um die Digitalisierung herum. Warum denn auch? Ein gutes Markenkonstrukt ist bei guter digitaler Führung geradezu zum Erfolg verdammt. Und eine gute digitale Markenführung führt umgekehrt zu einem guten Markenkonstrukt. Wirklich bemerkenswert ist ja, dass sogar die sonst so schwerfälligen Finanzbehörden auf Digitalisierung umgestellt haben (auch wenn sich ihr Ruf dadurch nicht merkbar verbesserte. Aber das hat andere Gründe …).

 

Für Unternehmen, die nicht endlich aus dem Knick kommen, gilt: Was derzeit noch nur Symptom und behebbar ist, wird im Fall längeren Zögerns zur dauerhaften Rückständigkeit führen. Eine enorme Gefahr übrigens für den eigenen und gesellschaftlichen Wohlstand, aber auch für die Kultur Europas. Die internationale Konkurrenz wird nicht zögern, in die von ängstlichen oder verschlafenen Besitzstandswahrern aufgemachten Lücken zu stoßen. Nicht umsonst ziehen kleine, dafür hocheffiziente und quasi aus dem Nichts auftauchende Unternehmen digitaler Nerds gleich reihenweise an den Unternehmen der Old Economy vorbei.

 

Dabei eignen sich digitale Konzepte gerade für traditionelle Unternehmen hervorragend. Quelle hätte Amazon geschlagen. Karstadt Zalando. Wenn ihre Managements nur rechtzeitig auf diejenigen gehört hätten, die ihnen mit Vorschlägen zu digitalen Konzepten in den Ohren lagen. Eitelkeiten und fehlende geistige Agilität, aber auch behördenähnliche, ineffiziente Verwaltungen führten dann konsequent in den Abgrund.

Deshalb wiederhole ich: Fehler sollte man nicht nachahmen. Digitalisierung bedeutet niemals dagewesene Chancen.

 

Und wenn wir uns schon, wie so oft geschehen, mit Amerika vergleichen, sei auch mal daran erinnert, welch großartiges, unfassbar reiches Vermächtnis Europa bereithält. Das Ergebnis ist Qualität, Qualität und nochmals Qualität.

 

Vom grenzenlosen, manchmal die Sinne betäubenden American Spirit sollten wir uns nur dort infizieren lassen, wo es uns gut tut und sinnvoll ist, z.B. da, wo es um das Ablegen unsinniger Konventionen und die Sprengung bürokratischer Fesseln geht.

Wir kennen die Wege.

Let’s go.

 

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